Über Bartók

02. Juni, Donnerstag 2016, 15:41

„Meine eigentliche Idee, der ich mir – seitdem ich mich als Komponist gefunden habe – vollkommen bewusst bin, ist die Verbrüderung der Völker, eine Verbrüderung trotz allem Krieg und Hader. Dieser Idee versuche ich – soweit es meine Kräfte gestatten – in meiner Musik zu dienen; deshalb entziehe ich mich keinem Einfluss, mag er auch slowakischer, rumänischer, arabischer oder sonst irgendeiner Quelle entstammen. Nur muss die Quelle rein, frisch und gesund sein!“ Bartók an Octavian Beu, 10. Januar 1931, in „Béla Bartók Letters, ed. János Demény“ (Budapest, 1971)

Zu Recht berühmte Sätze, das Credo einer kosmopolitischen Legende, doch gehen wir zurück zum Anfang dieser Geschichte, zum 25. März 1881 nach Nagyszentmiklós, Ungarn (heute Rumänien).

Im Alter von 5 Jahren begann Béla Bartók seine musikalische Ausbildung am Klavier, was seine lebenslange Affinität zu diesem Instrument prägte. 1901 schließt er die Musikakademie ab und komponiert 1903 eines seiner ersten reiferen Werke, die symphonische Dichtung Kossuth. Bald darauf beginnt er zu reisen und die Musik bäuerlicher Kulturen aufzuzeichnen. Zusammen mit seinem Landsmann und Komponistenfreund Zoltán Kodály bereist er Ungarn und die Nachbarländer und sammelt tausende von authentischen Volksliedern. Vieleseiner frühen Orchesterwerke kennzeichnet ein neuer kompositorischer Stil: starke, beinahe primitive Rhythmen, ungewöhnliche tonale Verflechtungen, ethnisch-gefärbte Tonleitermotive und farbenfrohe Orchestrierungen wie bei Allegro Barbaro, Ein Abend auf dem Landeoder Herzog Blaubarts Burg. Dann werden die Harmonien schroffer und bitterer, beste Beispiele hierfür sind die Sonate für zwei Klaviere und Schlagwerk, das 2. Violinkonzert, Musik für Streicher, Percussion und Celesta und schließlich gipfelt dieser Stil mit vielen ungewöhnlichen, dissonanten Effekten und Extremen in den Werken Der holzgeschnitzte Prinz, Tanzsuite und Der Wunderbare Mandarin.

Vor seiner letzten Schaffensperiode kehrt Bartók zurück zur Kraft der Volkslieder und fasst Kodálys und seine eigene Arbeit zusammen, die nichts anderes war, als die Vereinigung der west- und der osteuropäischen Kunstmusik zu ungarischer Musik, wenn man so will. Er sagte, „Kodály und ich wollten die Synthese von Ost und West – wegen unserer Herkunft und der geographischen Lage unseres Landes, welche uns zum weitesten Punkt des Ostens und der defensiven Bastion des Westens macht, fühlten wir, dass dies unsere Aufgabe sein musste.“ Die Werke Mikrokosmos, das Divertimento und Cantata Profana demonstrieren diese Ars Poetica hervorragend. Mit seinem schönen Sinnbild gelang Bartók ein symbolischer Ausgleich zwischen allen kulturellen, geographischen und sonstigen Gegensätzen und in seinem Brief an den rumänischen Diplomaten und Musikhistoriker Octavian Beu führte er diesen Gedankengang weiter.

Dass Bartók ein international anerkannter ungarischer Komponist, Pianist und Musikethnologe war, wissen wir bereits, doch war er soviel mehr: er war ein Mann mit einer Vision. Er hatte eine Idee, wie die Gesellschaft sein sollte und er war überzeugt, dass sich seine Vision über einen kulturellen Ausdruck wie die Musik verwirklichen ließe.
In seinen Augen bildete die Kultur das Herz einer Gesellschaft, waren Kultur und Gesellschaft untrennbar verbunden. Bartók erinnerte sich, wie diese Vision 1904 in einem Lokalgeboren wurde, als er eine transsilvanische Wirtin singen hörte und das Lied sogleich festhielt. „Nun habe ich einen neuen Plan: die schönsten ungarischen Volkslieder zu sammeln und sie zu verbreiten, sie mit der bestmöglichen Klavierbegleitung zum Kunstlied zu machen.“ In seinem Brief an Beu hob Bartók besonders die Integration der Originale aus einer „reinen, frischen und gesunden Quelle“ als Einflüsse in musikalischen Kompositionen hervor, seien sie „slowakischer, rumänischer, arabischer oder jeder anderen Art“.

Bartók war der Ansicht, dass Volksmusik ein Teil des kulturellen Kanons und Erbe einer jeden Nation sein sollte. Mit einer so modernen Sichtweise hober sich von der Mehrzahl der Komponisten aus anderen kleinen Ländern ab, die einen stilistisch rein nationalen Musikkanon erschaffen hatten. Er hatte eine große weitreichende Idee über den Einfluss einer visions geprägten Musik für die ganze Welt und das zu einer Zeit, als zahlreiche Grenzen, alte und neue, Menschen in ganz Europa zerstörten.

Durch das politische Regime in Ungarn war Bartók gezwungen, für die letzten Jahre seines Lebens in die usa zu emigrieren. Dort schrieb er das Concerto als eine Verbindung zwischen Schmerz und Aussöhnung, ein Memento für seine Sehnsucht nach der Heimat und als Hoffnungsschimmer für die Welt. Selbst in seinen finanziell extrem schwierigen Zeiten im Exil oder der kulturellen Krise in der Zeit des Krieges in Ungarn arbeitete er unermüdlich daran, Humanität in Musik auszudrücken, die den Geist eines jeden Menschen beflügeln kann. In unserer heutigen schwierigen Zeit sollten wir uns von Bartóks Haltung und Charakter den Weg weisen lassen.